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Deutschland: Bumm, Bumm – Aua, Aua!

von Hermann Ploppa

Ganz Deutschland versinkt im Tränenmeer. Ein einziger Fluß von deutschnationalen Augensekreten ergießt sich von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen und überflutet die Alpen. Wir sind nicht im Finale unserer eigenen, von uns und Coca Cola teuer bezahlten Weltmeisterschaft!

„Immerhin: unsere Jungs haben sich tapfer geschlagen. Jetzt gilt es, am Samstag um Platz drei zu kämpfen.“, sagt unser notorischer Verkaufspropagandist für private Krankenversicherungen und nebenberuflicher Talkmaster, Johannes B. Kerner, sichtlich ohne Enthusiasmus. Wen wird das noch interessieren?

Da waren nun die gerade wegen ihrer vergeigten Reformarbeit von allen Seiten gepeitschte Bundeskanzlerin zusammen mit dem Bundespräsidenten – wie heißt der noch gleich? – und einem Bataillon weiterer wichtiger Menschen, teilweise mit Wölbungen im graublauen Sakko, demonstrativ vor dem Halbfinalspiel über das Spielfeld gelatscht. Quasi als neoliberales Rollkommando, damit von dem erhofften Ruhm schwarzrotgoldener Kickerbeine auch ein bißchen was auf die ungeliebte Bundesregierung sprenkeln möge.

Und nun das. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Eindrucksvoll besiegten die zwanzigjährigen Jungmillionäre mit der humanistischen Halbbildung eines Schweinesteaks im Kühlergrill so schwierige Gegner wie Andorra, Liechtenstein und schließlich noch San Marino. „Ganz Deutschland stand Kopf!“, schallte es aus dem Blätterwald. Sorry. Ich bin auch Deutschland, habe aber zu besagter Zeit fest auf beiden Plattfüßen gestanden, und – ja, ich gestehe es: ich habe nicht einmal einen Fernsehapparat. Zu der fraglichen Stunde, als Deutschland wegen Schweinsteiger, Ballack und wie sie alle heißen mögen, Kopf gestanden haben soll, verfolgten laut Media Control etwa zwanzig Millionen Menschen das Spiel unserer Kicker. Auf dem Gelände der gesamten Bundesrepublik leben aber schätzungsweise 90 Millionen Menschen. Haben jetzt 70 Millionen Menschen über Nacht ihre Staatsbürgerschaft eingebüßt?

Da konnte man bestaunen, wie tatsächlich die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold immer mehr Autos und private Fahnenmasten eroberten. In den Fünfziger Jahren sagte der damalige Bundestrainer Sepp Herberger angesichts der zahlreichen fußballtechnischen Besserwisser genervt, er habe in Deutschland etwa 60 Millionen Trainerkollegen. Bis gestern konnte man beobachten, wie unser werter Herr Bundesaußenminister Steinmeier nebst diplomatischem Corps immer mehr Fachkollegen in Deutschland bekam. Denn immer mehr Automobile wurden mit dem diplomatischen schwarzrotgoldenen Stander versehen. Erst einer, dann zwei, dann ists mit Deutschland vorbei.

Zunächst schmückten sich die üblichen Verdächtigen, nämlich die, die nichts besitzen außer dem deutschen Paß, dazu eine Hose voller Minderwertigkeitskomplexe sowie einen tiefergelegten Golf GT mit dunkel getönten Scheiben sowie dem unverzichtbaren technoiden „Duff! Duff! Dufduffduff“ bis die Scheiben bersten. Ja, und dann schlugen sich auch Leute, die man für vernünftiger gehalten hatte, auf die Seite des diplomatischen Corps.

Und schon dachte man, alle deutschen Autofahrer sind verrückt geworden. Nur, der ganze Effekt verblaßte, wenn mal irgendwo ein Autostau auftrat, oder wenn man mit offenen Augen auf Parkplätze schaute. Es waren im Schnitt doch nie mehr als maximal drei bis fünf Prozent aller Autos, die den deutschen Stander mit sich führten. In Bewegung, auf der Straße, sah das immer nach viel mehr aus. Man versteht jetzt, warum Diktatoren Kraftfahrzeuge so gerne rollen sehen.

Als auch bei Schlecker im Grabbelkasten die schwarzrotgoldenen Wimpel lagen, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: warum, so warf ich mir vor, hatte ich nicht weitere Verwendungsmöglichkeiten für die deutsche Farbkombination schwarzrotgold urheberrechtlich schützen lassen? Es hätte sich doch angeboten, schwarzrotgoldene Eierbecher, schwarzrotgoldenes Klopapier, schwarzrotgoldene Klobürsten, schwarzrotgoldene – na Sie wissen schon. Das hätte vielleicht der krisengeschüttelten deutschen Manneskraft wieder aufgeholfen.

Und dann die Raufereien mit den heißspornigen Argentiniern. Nachdem Argentinien niedergerungen war, hätte eigentlich nichts mehr schiefgehen dürfen. Und wer könnte jetzt an dieser Niederlage schuld sein? Die Fifa, der Fußball-Dachverband? Der hat doch da einen vielversprechenden Mittelstürmer gesperrt, weil der statt mit den Füßen mit den Fäusten gegen Argentinien gekämpft hat. Nach der Sperrung des jungen Recken dirigierte die berühmte Boulevardzeitung auf den vier Buchstaben: „Ganz Deutschland stinkesauer!“ Sorry, aber ich war in den letzten Tagen nicht stinkesauer.

Ach ja, wir sind ja jetzt in unserem Nationalgefühl so natürlich. So wie die anderen Völker auch, wofür die uns ja auch, wie Spiegel opnline nicht müde wurde zu betonen, tüchtig gelobt haben. Aber wie kümmerlich machte sich doch das grün-weiß-rot der Fahnen und der bemalten Wangen bei den begeisterten Italienern in Rom. Wie matt, wie spärlich diese italienischen Insignien, verglichen mit unserem saftigen Schwarzrotgold!

Naja, aber das Verlieren müssen wir noch etwas eleganter hinkriegen. Wie die schwarzrotgold geschminkten Deutschen da im Fernsehstudio nach der Pleite herumlagen und der mühsamen Johannes B. Kerrner-Arbeit immer mehr ihren leicht adipösen Rücken zuwandten und auch dem verdächtig gut gelaunten Fußballidol Pelé nicht mehr zuhören wollten, das sind, wenn ich mal so sagen darf, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, äußerst bedenkliche Vorboten für ihre weiteren Monate oder – so Gott und die Deutsche Bank wollen: Jahre – im dritthöchsten Staatsamt.

Fußball ist doch nur ein Spiel, und der Bessere soll gewinnen – oder?

 

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